Chancen der Digitalisierung des Gesundheitswesens bleiben ungenutzt – Umsetzung schleppend

Am Dienstag diskutierten Experten und Gäste im Medical Valley Center den Stand der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Eingeladen hatten die Erlanger GRÜNEN. Nach Modellprojekten und langem Hin und Her sei es nun an der Zeit endlich voran zu kommen. Dazu brauche es einerseits klare Standards, etwa beim Datenschutz, und eindeutige Rahmenbedingungen. Andererseits müssten für alle – Ärzte, Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen – Anreize gesetzt werden.

Eingangs erläuterte Dieter Janecek, Sprecher für digitale Wirtschaft und digitale Transformation der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, den aktuellen Stand der Umsetzung. Dabei verwies er auch auf die skandinavischen Länder oder aber Estland, die bei der Digitalisierung schon deutlich weiter. In diesen Ländern gäbe es neben einer digitalen Verwaltung auch schon digitale Gesundheitsakten. Eine klare Vorgabe fehle in Deutschland aber noch. Seit über zwölf Jahren wird an der sogenannten Elektronischen Patientenakte gearbeitet; die Fortschritte seien aber marginal. Das Ziel müsse jetzt sein, die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger in den Fokus zu stellen. So könnten Chancen genutzt, aber gleichzeitig auch Datenschutz und Bürgerrechte geschützt werden.

Monika Rimmele, Senior Director Government Affairs bei Siemens Healthineers, stellte die Sicht der Industrie vor. Sie erläuterte, dass es diverse Lösungen für die Technik schon gebe. Diese könnten aber nur dann wirklich funktionieren, wenn es klare Standards gäbe. Diese würden bisher fehlen. Besonders wenn es nicht alleine um Krankheit gehe, sondern verschiedene Gesundheitsdaten jedem einzelnen helfen würden bewusster zu leben, würden große Potentiale frei. In diesem Zusammenhang sei es aus ihrer Sicht besser statt von einer Patientenakte von einer Gesundheitsakte zu sprechen. Dass schaffe Akzeptanz und verdeutliche die Potentiale des Projekts besser.

Der Geschäftsführende Vorstand des Medical Valley, Prof. Erich Reinhardt, brachte ein, welche Bedingungen Startups und Innovationen bräuchten. Diese bräuchten Freiheiten um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Er warnte davor, dass durch zu starre Regulierung Innovationen gebremst werden könnten.

Prof. Stefan Sesselmann, bis 2017 als Orthopäde am Uniklinikum Erlangen und jetzt an der OTW Amberg-Weiden tätig, erläuterte die Digitalisierung aus ärztlicher Sicht. Wenn für Ärztinnen und Ärzte die Vorteile klar ersichtlich seien, werde die Umstellung auf eine hohe Akzeptanz stoßen. Algorithmen könnten den Arzt zwar nicht ersetzen aber in vielerlei Hinsicht die Arbeit erleichtern; beispielsweise durch besser aufeinander abgestimmte Behandlungen verschiedener Fachärzte, denen eine Patientin oder ein Patient Einsicht in die digitale Akte gewährt.

Christian Zwanziger, Landtagskandidat Bündnis 90/Die Grünen, moderierte die Podiumsdiskussion. Leidenschaftliche Wortbeiträge und Fragen der interessierten Gäste deckten immer weitere Facetten auf. Eine Grundvoraussetzung für die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist auch Netzausbau. Was nütze es, wenn die Technik so weit ist, dass man Menschen lange Krankenhausaufenthalte erspare könne, aber am Ende scheitere die Übertragung der täglichen Puls- oder Blutdruckmesswerte weil man im Funkloch wohne, so Zwanziger.

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