Weichen stellen für die Zukunft: Die Stadt-Umland-Bahn

Am 14. Februar lud unser Kreisverband zur Podiumsdiskussion mit Toni Hofreiter, dem Vorsitzenden der grünen Bundestagsfraktion, Esther Schuck, der ersten Vorsitzenden der Bürgerinitiative „Umweltverträgliche Mobilität im Schwabachtal“ und dem verkehrspolitischen Sprecher der Erlanger Grüne-Liste-Fraktion Harald Bußmann ein, um insbesondere die urgrünen Aspekte des geplanten Projektes einer Stadt-Umland-Bahn (StUB) zu beleuchten. Im mit circa 150 Gästen voll besetzten Innenhof der Stadtbibliothek im historischen Bürgerpalais Stutterheim fanden sich überwiegend StUB-Befürworter*innen - aber selbstverständlich auch Unentschlossene und kritische Stimmen.

Beitrag zur Verkehrs- und Klimawende

Toni Hofreiter, der als ehemaliger verkehrspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion und bis 2013 Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung des Deutschen Bundestages hier zu einem seiner Herzensthemen sprach, kam direkt von der Sicherheitskonferenz in München, wo die großen Konfliktlinien der Welt diskutiert wurden. Konflikte, die, wie er betonte, bereits heute oftmals auf die Auswirkungen des Klimawandels zurückzuführen seien.

Maßnahmen zur Eindämmung dieses globalen Klimawandels könnten nur und müssten regional umgesetzt werden. Während in einigen Bereichen Fortschritte zu verzeichnen seien, sei ihm der Verkehrssektor, der für ein Drittel des CO2-Ausstoßes  verantwortlich sei, bisher zu wenig erreicht worden. Ohne Verkehrswende sei jedoch die Klimawende nicht zu schaffen.

Ein Projekt wie die Stadt-Umland-Bahn, mit der massive Einsparungen beim Schadstoffausstoß erreicht werden könnten, biete hier große Chancen. Elektromobilität im Individualverkehr, wie sie zurzeit als Antrieb für die Verkehrswende gefördert werde, müsse noch weiterentwickelt werden und löse nur Teile der Probleme. Bei Straßenbahnen jedoch handele es sich um die am intensivsten erprobte Form der Elektromobilität, hier können diese ihr volles Potential entfalten und breitenwirksam eingesetzt werden.

Gute Gründe für die Menschen in Erlangen

Hofreiter führte zahlreiche weitere Argumente für die StUB ins Feld. Ausnahmslos alle Projekte schienengebundenen Nahverkehrs hätten die Fahrgastprognosen übertroffen. Nicht nur böten Straßenbahnen mehr Kapazitäten als der dichteste Busverkehr, sondern die Menschen nutzten diese intensiver als ein von Taktung und Haltestellenabstand absolut gleichwertiges Angebot mit Bussen. Man spricht vom Schienenbonus. Mehr Menschen steigen freiwillig auf den ÖPNV um. Toni Hofreiter, Esther Schuck und Harald Bußmann konnten immer wieder Beispiele gelungener Straßenbahnprojekte mit erstaunlichen Fahrgastzahlen anführen – von der Anbindung der Kleinstadt Kassel-Vellmar über das äußerst erfolgreiche Karlsruher Stadtbahnnetz bis zum Ausbau der Züricher Straßenbahn, die gern von Bankern mit Anzug und Krawatte genutzt werde.

Angesichts des demografischen Wandels müsse auch das ÖPNV-Angebot angepasst werden. Zukünftig werden deutlich mehr Menschen als bisher auf barrierefreie Mobilitätskonzepte angewiesen sein. Eine niederflurige Straßenbahn mit großer Laufruhe biete genau diese Sicherheiten.

Harald Bußmann fügte insbesondere die Details des Planungsstandes hinzu, die die Menschen in Erlangen besonders bewegen. Nach der intensiven Darstellung des baulichen Planungsstands, erläuterte er die daraus ableitbaren Kosten: bei konservativer Rechnung seien dies zwischen vier und acht Millionen Euro jährlich für die Stadt Erlangen ab Fertigstellung der StUB für zehn Jahre – den Betrieb schon eingerechnet. Zudem kämen Investitionen der Stadt wie auch die Fördergelder von Land und Bund der regionalen Wirtschaft zugute. „Die Umsetzung eines solchen Projektes umfasst sehr viel mehr als den Ankauf von Straßenbahnen und das Verlegen von Gleisen.“ Wie bereits in der Vergangenheit würden insbesondere die gestalterischen und städtebaulichen Maßnahmen von Begrünung, Haltestellenbau, Beleuchtung und anderem mehr durch regionale Betriebe geleistet werden können.

Hofreiter ergänzte, dass die angesetzten Kosten des Projektes ganz offenbar solide eingeschätzt worden. Erfahrungen aus zahlreichen Straßenbahnprojekten, auf die man zurückgreifen könne, belegten dies. Er warnte davor, die StUB mit Großprojekten wie dem Hauptstadtflughafen oder Stuttgart 21 zu vergleichen, die in Planung und Umsetzung von massiven Unwägbarkeiten gekennzeichnet seien. Eine überraschende Kostenexplosion werde es beim Bau einer Straßenbahn nicht geben. Toni Hofreiter bestätigte zudem, dass mit der Neufassung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG), die am 24. September 2015 beschlossen wurde, für die StUB eine bis zu 90 prozentige Förderung auch über das Jahr 2019 hinaus gesichert sei.

Bußmann sieht die Kosten jedoch nicht nur aus der Perspektive eines „Kann Erlangen sich dieses Projekt leisten?“ und „Braucht Erlangen die Stadt-Umland-Bahn, um zukunftsfähig zu bleiben?“, er fragte insbesondere nach der Lebensqualität für Erlangerinnen und Erlanger, die er vom zunehmenden Autoverkehr, Feinstaubbelastung , Lärm und Platzmangel massiv bedroht sieht.

Rückgrat für die Metropolregion

Esther Schuck betonte vor allem die Stadt-Umland-Bahn als entscheidendes Projekt für die ganze Region. Sie plädierte mit Blick auf den negativen Ausgang des Bürgerentscheides im Landkreis Erlangen-Höchstadt an die Vernunft der Stadtbewohner*innen: „Lassen Sie sich diese Chance nicht nehmen!“. Die StUB sei die Verlängerung und die logische Fortführung des Nürnberger Straßenbahnnetzes. Sie fungiere als Rückgrat eines erweiterten ÖPNV-Angebotes und werde durch ein auf die StUB abgestimmtes Busnetz ergänzt, das die attraktive Anbindung kleinerer Umlandgemeinden auch im östlichen Landkreis verwirkliche. Dies ermögliche eine ganz neue Linienführung gerade auch im Busverkehr. So könnten beispielweise Pendler*innen aus dem östlichen Landkreis mit dem Bus nach Tennenlohe fahren und dort in die StUB Richtung Nürnberg einsteigen.

Esther Schuck betonte zudem, dass die zu erwartenden Fördergelder ÖPNV-Maßnahmen vorbehalten seien. Wenn die Metropolregion hier nicht zugreife, freuten sich andere Regionen über das Geld.

Intensive Beteiligung am Planungsprozess

Auch aus dem Publikum kamen brennende Plädoyers für die StUB, aber selbstverständlich auch kritische Fragen. Sorgen bereiteten den Menschen neben den Kosten auch die Veränderung des Stadtbildes. Bußmann konnte hier beruhigen: Gerade weil der Bau einer Straßenbahn kein planerisches Novum sei, stände Erlangen mit Herausforderungen, wie sie beispielsweise Straßenbahnschienen für den Fahrrad- und Fußverkehr bedeuteten, nicht alleine da. Auch hier konnte er immer wieder auf andere Projekte und umfangreiche Erfahrungen in der Umsetzung verweisen. Selbstverständlich werde der gesamte Planungsprozesses von intensiven öffentliche Diskussionen und vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten begleitet: Es werde nicht über den Kopf der Erlanger*innen hinweg entschieden.

Um deutlich zu machen, dass von der Stadt-Umland-Bahn nicht nur die Fahrgäste, sondern alle Menschen in der Region profitierten, beschwor Toni Hofreiter ungewöhnliche Allianzen: „Autofahrer, kämpft für die Stadt-Umland-Bahn!“ Freiere Straßen und weniger Parkplatzmangel sollten gerade die Menschen überzeugen, die nicht auf den ÖPNV umsteigen möchten.

Gestaltungsmöglichkeiten nutzen

So wichtig, wie das Projekt der Stadt-Umland-Bahn selbst, so wichtig war allen Podiumsgästen, dass die Erlanger*innen von der Möglichkeit der Mitbestimmung Gebrauch machten. Und so bildete die dringende Bitte, am 6. März oder bereits im Vorfeld per Briefwahl am Bürgerentscheid teilzunehmen, den Abschluss der Veranstaltung.

 



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